In den Hochlandgemeinden von Chiapas, wo die Berge steil und die Straßen schmal sind, sprechen rund 550.000 Menschen Tsotsil. Es ist eine Sprache der Maya-Familie, älter als die spanische Kolonisierung, älter als die Grenzen des heutigen Mexiko. Wenn ein Tsotsil-Sprecher einen anderen begrüßt, fragt er nicht „Wie geht es dir?”, sondern erkundigt sich nach dem Zustand des Herzens. Die Sprache trägt eine Weltsicht in sich, die in keinem spanischen Wörterbuch steht.
Aber Tsotsil ist bedroht. Nicht durch ein Verbot, sondern durch Unsichtbarkeit. In den Schulen wird auf Spanisch unterrichtet. Die offiziellen Formulare sind auf Spanisch. Die Wirtschaft funktioniert auf Spanisch. Wer kein Spanisch kann, ist ausgeschlossen. Wer Spanisch lernt, vergisst oft das Tsotsil. Es ist ein leises Verschwinden, das sich über Generationen vollzieht.
An der Hochschule Tec de Monterrey arbeitet ein Forscherteam unter der Leitung von Alejandro Martín del Campo an einer Lösung, die diesen Kreislauf durchbrechen soll. Sie entwickeln eine zweisprachige Alphabetisierungsplattform, die von künstlicher Intelligenz angetrieben wird und ohne Internetverbindung funktioniert. Das ist entscheidend, denn in den Bergdörfern von Chiapas gibt es oft keinen Mobilfunkempfang und kein WLAN.
Die Plattform kann vier Dinge: Sie übersetzt bidirektional zwischen Tsotsil und Spanisch. Sie transkribiert gesprochene Sprache zu Text. Sie wandelt Text in Sprache um, mit dem Akzent und der Intonation eines Muttersprachlers. Und sie läuft auf gewöhnlichen Mobiltelefonen und Schulcomputern, auch ohne Netz.
Hinter der scheinbar einfachen Oberfläche steckt eine komplexe Architektur. Mindestens vier verschiedene KI-Modelle auf Basis neuronaler Netze verarbeiten die Sprache. Das Team besteht aus Pädagogen, die Lernpfade und Materialien entwerfen, und Technologen, die die Plattform bauen und die KI integrieren. Zusätzlich arbeiten Sprecher und Gemeindemitglieder aus den Tsotsil-Dörfern an der sprachlichen Validierung.
Das Projekt ist eingebettet in das „Chiapas Puede”-Programm, über das in dieser Ausgabe bereits berichtet wird. Durch eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Tec de Monterrey und der Landesregierung von Chiapas hat das Team Zugang zu den Gemeinschaften und kann die bestehende Infrastruktur der Bildungszentren nutzen. In etwa eineinhalb Jahren soll die Plattform die Pilotphase abgeschlossen haben und in realen Alphabetisierungskontexten eingesetzt werden.
Was dieses Projekt von vielen Technologieinitiativen unterscheidet, ist die Richtung. Hier wird KI nicht eingesetzt, um Prozesse zu beschleunigen oder Kosten zu senken. Sie wird eingesetzt, um eine Sprache zu bewahren, die eine halbe Million Menschen noch sprechen. Um Kindern zu ermöglichen, in ihrer Muttersprache zu lernen, bevor sie Spanisch lernen. Um das Herz-Fragen des Tsotsil nicht verstummen zu lassen.
Alejandro Martín del Campo bringt es auf einen Satz: Technologie werde oft in Großstädten eingesetzt, aber wenn sie auf gemeinschaftsbezogene und soziale Fragen angewandt werde, zeige sich ihre wahre Wirkung.
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