Mexiko

200.000 Menschen lernen in einem Jahr lesen

Im mexikanischen Chiapas hat das Programm 'Chiapas Puede' in nur einem Jahr 200.000 Menschen das Lesen und Schreiben beigebracht. Die meisten sind Frauen aus indigenen Gemeinden.

In Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos, können 13 von 100 Erwachsenen nicht lesen und schreiben. Es ist die höchste Analphabetenrate des Landes, und sie betrifft vor allem Frauen, ältere Menschen und Angehörige indigener Gemeinschaften in den Bergen und Dschungelgebieten. Es ist eine Zahl, die man leicht überliest. Aber hinter ihr stehen Menschen, die Verträge nicht verstehen können, die ihre Kinder nicht bei den Hausaufgaben unterstützen können, die auf dem Markt betrogen werden, weil sie die Preisschilder nicht lesen können.

Am 9. Februar 2026 hat das mexikanische Nationale Institut für Erwachsenenbildung (INEA) das Programm „Chiapas Puede” offiziell gewürdigt. In nur einem Jahr haben rund 200.000 Menschen durch dieses Programm lesen und schreiben gelernt. Es ist eine Zahl, die man wirken lassen muss. 200.000. Das entspricht der gesamten Grundschülerzahl von Uruguay oder Costa Rica.

Das Programm funktioniert nicht über Schulgebäude oder staatliche Infrastruktur. Es basiert auf Freiwilligen. Tausende Alphabetisierungslehrerinnen und -lehrer, die Mehrheit davon Universitätsstudierende und Gemeindemitglieder, gehen in die Dörfer. Sie unterrichten in sogenannten Studienzirkeln, kleinen Gruppen, die sich in Gemeindehäusern, unter Bäumen oder in privaten Küchen treffen. Der Unterricht findet in 13 verschiedenen indigenen Sprachen statt, denn in Chiapas leben zwölf indigene Gruppen, und für viele von ihnen ist Spanisch nicht die Muttersprache.

Die UNESCO hat das Programm begleitet und dokumentiert. Forscher und Behördenvertreter trafen sich in Tuxtla Gutiérrez, der Hauptstadt von Chiapas, um die pädagogischen Herausforderungen zu analysieren. Eine zentrale Erkenntnis: Alphabetisierung funktioniert nur, wenn sie in der Muttersprache beginnt und die lokale Kultur respektiert. Ein Teilnehmer eines Studienzirkels formulierte es bei einem UNESCO-Besuch so: „Wir wollen weiter lernen. Wir wollen mit unserem eigenen Namen unterschreiben und Rechnen können, um unsere Produkte zu verkaufen. Aber ohne unsere Traditionen zu verlieren.”

Die nationale Analphabetenrate Mexikos ist durch das Programm von 4,1 auf 3,9 Prozent gesunken. Es klingt nach wenig. Aber es sind Hunderttausende von Leben, die sich verändert haben. Frauen, die zum ersten Mal einen Brief lesen. Großväter, die zum ersten Mal ihren Namen schreiben. Menschen, die sich zum ersten Mal nicht mehr auf andere verlassen müssen, wenn es um ihre eigenen Angelegenheiten geht.

Das Ziel des Programms ist es, die Analphabetenrate in Chiapas bis Dezember 2026 auf unter vier Prozent zu senken. Es ist ein ehrgeiziges Ziel, aber die bisherigen Zahlen zeigen, dass es erreichbar ist. Über 120.000 Lernende sind derzeit aktiv eingeschrieben.

Was „Chiapas Puede” von vielen Bildungsprogrammen unterscheidet, ist der Ansatz. Es ist keine Top-down-Kampagne, sondern eine Bewegung, die von unten wächst. Die Lehrkräfte sind Nachbarn. Die Sprache ist die eigene. Der Ort ist das eigene Dorf. Und das Ergebnis ist nicht nur Lesen und Schreiben, sondern Würde.

Quellen: